Presse
 
   Chronik von Vogt Heß gibt falsches Alter an
 

"Gäubote"-Serie "Geschichten aus der Geschichte": Dr. Roman Janssen blickt zurück auf den Ursprung der Herrenberger Stadtkapelle

Gäubote-Artikel vom 02.05.2007

Herrenberg - Wie alt ist die Stadtkapelle Herrenbergs wirklich? Stadtarchivar Dr. Roman Janssen hegte am Wochenende in seiner Ansprache zum 550. Geburtstag des Vereins große Zweifel (der "Gäubote" berichtete). Nun blickt er tiefer in die Historie und verrät dabei einiges über die Geschichte Herrenbergs, des Landes Württemberg, die Bedeutung der Musik und über den fleißigen Herrenberger Vogt Heß.


VON THOMAS MORAWITZKY


Von oben erschallen sie herab: Turmbläser der Stadtkapelle GB-Foto: Bäuerle

Zwar kann Vogt Heß unmöglich die Schuld gegeben werden, am vermeintlich hohen Alter der Herrenberger Stadtkapelle, die Wurzel des Irrtums jedoch sitzt laut Stadtarchivar Dr. Roman Janssen in seinem umfangreichen Geschichtswerk. Bis 1759 arbeitete Vogt Heß an diesem Werk, das Weltgeschichte, württembergische Geschichte und Herrenberger Geschichte in seinen Teilen zusammenfasst. Und in eben jenem Teil, der sich auf die Geschichte Württembergs bezieht, erwähnt Vogt Heß die Urkunde, auf die die Stadtkapelle heute ihr Gründungsdatum bezieht. Das Dokument selbst wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört, glücklicherweise jedoch beschäftige sich bereits im 18. Jahrhundert ein Stuttgarter Archivar und Historiker mit dem Schriftstück, so dass der Inhalt der Urkunde noch heute bekannt ist.

Vogt Heß übernahm die Ausführungen des Stuttgarters kommentarlos in sein Werk. Der Herrenberger Amtsvogt war selbst Musiker, gründete das heute noch existierende "Collegium Musicum" und schrieb zu Ehren von Herzog Carl Eugen eine "Operette" und eine "Serenade" Werke, die den heutigen Vorstellungen dieser Gattungen zwar nicht mehr gerecht werden, zur damaligen Zeit jedoch mehrmals aufgeführt wurden.

Im Geschichtswerk des Vogts wird aber auch ein heute nahezu vergessener Sachverhalt dargestellt: Dass das Land Württemberg von 1442 bis 1482 zweigeteilt war. Den einen Teil regierte Ulrich der Fünfte von Stuttgart aus, den zweiten Teil Ludwig der Erste von Urach aus. Herrenberg gehörte dem Bezirk Ludwigs an, die fragliche Urkunde jedoch wurde von Ulrich ausgestellt, galt also nur für das "nördliche Württemberg". Zudem kann die Urkunde wohl kaum als Gründungsdokument einer Stadtkapelle angesehen werden, nahm sie doch nur die soziale Aufwertung des damals unseriösen Musikantenstandes vor.

Im Mittelalter hatte es laut Janssen verschiedene Musiker gegeben, die bei der Bevölkerung nicht gut angesehen waren Spielleute, Lautenschlager, Trommler und Pfeiffer. Die Trommler und Pfeiffer kämen als Ahnen der Stadtmusikanten nicht in Frage, da sie zwar aus städtischen Mitteln bezahlt wurden, tatsächlich jedoch der Landmiliz angehörten. Die Aufwertung des "unehrenhaften Berufsstandes" der Musiker, die ja nur für Nordwürttemberg galt, war zudem kein Novum: Schon 1280 war in Wien, 1330 in Paris ein Ähnliches verlesen worden, berichtet Janssen Erklärungen, die auch nicht die Gründung einer Kapelle bedeuteten, sondern den nomadisierenden Musikern das Recht gaben, Bruderschaften zu gründen. Ein silbernes Abzeichen, das keine Auszeichnung war, mussten sie dennoch tragen. Der Begriff Kapelle, erklärt Janssen, leitet sich tatsächlich von der Bezeichnung für das gleichnamige kirchliche Bauwerk her. Diese Kapellen waren nämlich die ersten Orte, an denen instrumentale Musik getrieben wurde, das Wort selbst hat also dieselbe Bedeutung wie das heutige Orchester. Mit den berühmten Turmbläsern dagegen hat es eine ganz andere Bewandtnis: Ein solcher Bläser musste von der Stadt eingestellt werden, um auf den Schlossmauern Ausschau zu halten und bei Sichtung eines Feuers oder eines Feindes Alarm zu schlagen. Dass dabei große Ansprüche an die musikalische Qualität der Darbietung gestellt wurden, sollte man laut Janssen bezweifeln die Turmbläser, im Übrigen noch immer freie Musiker, seien lediglich Wachposten gewesen.

Den eigentlichen Beginn eines organisierten Stadtmusikantentums in Herrenberg vermutet Janssen zwischen 1680 und 1700. Zu jener Zeit nämlich traten erstmals die so genannten Zinkenisten auf. Ihr Instrument, der Zink, stammt ursprünglich aus dem persischen Raum und gilt als klassisches Musikinstrument der frühen Neuzeit. Beliebt war es vor allem, da es nicht so laut klang, wie die bis dahin üblichen Blasinstrumente. Nach 1700 lässt sich sehr schnell eine dann kontinuierlich wachsende organisierte musikalische Vereinskultur nachweisen. Die Zinkenisten wurden zunächst verpflichtet, einen zusätzlichen Spieler und einen Lehrling einzustellen und übernahmen bald schon Aufgaben der musikalischen Ausbildung, beispielsweise auf Violine, Blasinstrumenten, Trommeln. Um 1700 wurde auch ein erster Dirigent für diese Musiker eingestellt, und zum ersten Mal existierte eine Formation, die man tatsächlich als Stadtkapelle bezeichnen könnte.

Namentlich wurde diese freilich erst 1899 mit eigenem Kapellmeister gegründet, starb aber schon im Inflationsjahr 1923 wieder ab, um kurz darauf wieder aufzuerstehen. Wenn man also das Alter der Stadtkapelle wie Stadtarchivar Janssen großzügig auf etwa 310 Jahre festlegt, dann müsste man dieses Recht allerdings auch einer Reihe anderer Kapellen zugestehen.

Aber davon sollten die Musiker sich, mit dem Segen des Stadtarchivars, die Feierlaune nicht verderben lassen. Dr. Roman Janssen führt als Beispiel den Feierlichkeiten mehr als aufgeschlossenen Papst Pius XI. an, der keinen rechten Grund finden konnte, 1933, nach einem Vertragsabschluss mit Mussolini, die Gründung des Vatikanstaates zu feiern. Der faschistenfeindliche Papst wollte sich stattdessen auf das 1000. Jubiläum des Todes und der Auferstehung Christi berufen und fragte einen Kardinal um Rat. Dieser antwortete, historisch korrekt: Das genaue Jahr, in dem Christus auferstanden sei, kenne man nicht: "Aber seinen Tod und seine Auferstehung kann man immer feiern."

 




 
Home | Aktuelles | Termine | Veranstaltungen | Verein | Stadtkapelle | Jugendarbeit | Kontakt | Sitemap
Stadtkapelle Herrenberg e.V.
Marienstraße 21
71083 Herrenberg