Presse
 
   Für Stadtarchivar Janssen macht sich
 die Stadtkapelle ein paar Jährchen zu alt
 

Kritische Historiker-Worte beim Festakt zum „550-Jährigen“

Kreiszeitung-Artikel vom 30.04.2007

Herrenberg – Beim Festakt zum 550-jährigen Bestehen Stadtkapelle Herrenberg wurden die Gäste Zeugen eines „Archivarstreits“. Stadtarchivar Roman Janssen äußerte in seiner Ansprache starke Zweifel am Alter des Vereins, womit er im Gegensatz zu Vorgänger Traugott Schmolz steht. Georg Schwenk, erster Vorsitzender der Stadtkapelle, nahm es gelassen: „Wir werden trotzdem weiterfeiern.“


VON MICHAELE WEBER


Turmbläser der Stadtkapelle, vorne Günter Haar, der seit 40 Jahren dabei ist

„Leichte Kavallerie“ hieß eines der Stücke, mit denen das große Blasorchester unter der
Leitung von Matthias Beno am Freitagabend den Festakt in der Stadthalle musikalisch
umrahmte. Keine leichte Kost war dagegen der sich anschließende Vortrag des Herrenberger Stadtarchivars. Mit 550 Jahren „hat es so gut wie nichts auf sich“, so Janssen. Die Entwicklung hin zur modernen Stadtkapelle habe erst 1899 begonnen. Er fügte jedoch hinzu, dass er die Zuhörer nicht verärgern, sondern auf eine „vergnügliche Reise“ im Zusammenhang mit der lokalen Musikgeschichte mitnehmen wolle.

Los ging es in der Antike. Damals war Musik eine der Musen. Im Mittelalter wurde sie nach den Regeln der Kirche organisiert. Wer außerhalb des kirchlichen Dienstes musizierte, galt als unmoralisch. 1457 gab Kardinal Julianus Spielleuten dann die Erlaubnis, sich zu einer Bruderschaft zusammenzuschließen, was Graf Ulrich V. von Württemberg bestätigte. Diese Nachricht sei als Abschrift in die Herrenberger Chronik von Vogt Heß eingeflossen. Für den Stadtarchivar allerdings kein Hinweis, dass damals schon eine Art Musikverein existierte. Außerdem habe man vergessen, dass Württemberg seit 1442 zweigeteilt war. Graf Ulrich V. herrschte über die nördliche Hälfte des Landes, zu der Herrenberg nicht gehörte. Die Anfänge der organisierten Musik in der Stadt verortete Janssen um das Jahr 1490 herum. Auf dem Schlossberg sei ein Bläser bezeugt, der Signale geben musste, um beispielsweise vor Gefahren zu warnen. Er wurde von der Stadt bezahlt, sei aber kein städtischer Angestellter gewesen. In den folgenden beiden Jahrhunderten dominierten Reformation und Dreißigjähriger Krieg das Leben der Menschen. Für Musik war kein „Markt“ da. Initiativen im
Zeitalter des Absolutismus gingen von der Obrigkeit aus. Landesherrliche Ordnungen legten unter anderem fest, wie Musiker bezahlt werden sollten oder wo sie spielen durften.

Collegium musicum entstand um 1720

In Herrenberg trat zwischen 1680 und 1700 der so genannte „Zinkenist“ als Stadtmusikus in den Vordergrund. Um 1720 entstand das „Collegium Musicum“, für das Vogt Heß auf eigene Kosten den zweiten Stock der Oberamtei zum Probesaal ausbauen ließ. Dort wurde sogar eine Operette aufgeführt, die er anlässlich der Hochzeit von Herzog Carl Eugen selbst komponiert hatte. Der Herrenberger Dekan empfand sie als zu weltlich und leitete ein „Lehrzuchtverfahren“ gegen Heß ein.

Zum Abschluss gab Roman Janssen der Stadtkapelle den Rat mit auf den Weg, sie möge sich ein Beispiel nehmen an den Frauen. Diese würden ab einem gewissen Alter gerne für jünger gehalten, als sie tatsächlich sind. „Eigentlich ist es egal, wie alt die Kapelle ist“, sagte denn auch der erste Vorsitzende des Musikvereins Stadtkapelle Georg Schwenk. „Entscheidend ist der Ist- Zustand.“ Er nannte Erfolge wie das sehr gute Abschneiden in der Höchststufe beim Wertungsspiel auf dem Landesmusikfest 2006 in Villingen-Schwenningen. Doch gelte es, darauf zu achten, „dass man weiterhin für wenig Geld ein Instrument lernen kann.“

In den Grußworten wurde viel über die soziale Funktion der Stadtkapelle gesprochen. Oberbürgermeister Volker Gantner bezeichnete sie als „Top-Adresse im kulturellen Leben“ Herrenbergs und verwies dabei auf die Musiktage und andere Veranstaltungen. Mit seinen insgesamt rund 600 Mitgliedern schaffe der Verein „Stadtklima im positiven Sinne“. Georg Weißenböck vom Blasmusik-Kreisverband hob besonders den „Beitrag zur musikalischen Früherziehung sowie zur gesellschaftlichen Aus- und Fortbildung“ hervor. Die Politik vertraten der Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger und seine Landtagskolleginnen Sabine Kurtz und Heiderose Berroth. Letztere stellte fest, in der Musik sei beides wichtig – die künstlerische Freiheit wie das Aufeinanderhören.

Am 12. Mai: „Egerländer“ mit Ernst Hutter

Einen Ausblick auf das weitere Programm im Jubiläumsjahr gab Georg Schwenk. Am 12. Mai gastiert der frühere Herrenberger Dirigent Ernst Hutter mit den Egerländer Musikanten in der Mehrzweckhalle. Einen Tag später veranstaltet die Stadtkapelle Herrenberg gemeinsam mit dem Feuerwehr-Spielmannszug Jettingen auf dem Marktplatz einen „Großen Zapfenstreich“. Wer auch zu Hause etwas von der Stadtkapelle haben möchte, der kann eine Festschrift oder die CD „Jubilissimo“ mit Stücken vom Konzert am 24. März dieses Jahres erwerben.

 




 
Home | Aktuelles | Termine | Veranstaltungen | Verein | Stadtkapelle | Jugendarbeit | Kontakt | Sitemap
Stadtkapelle Herrenberg e.V.
Marienstraße 21
71083 Herrenberg