Presse
 
   Historiker gesteht maximal 325 Jahre zu
 

Stadtkapelle Herrenberg: Stadtarchivar Dr. Roman Janssen zweifelt Alter von
550 Jahren bei der Jubiläumsfeier an

Gäubote-Artikel vom 30.04.2007

Herrenberg - 550 Jahre alt ist der Musikverein Stadtkapelle Herrenberg in diesem Jahr geworden. Oder etwa doch nicht? Stadtarchivar Dr. Roman Janssen meldet Zweifel an: Historisch nachweisbar sei nur eine maximal etwa 325-jährige Geschichte der Stadtkapelle, verkündet der Historiker ausgerechnet in seiner Ansprache zum Jubiläums-Festakt in der Stadthalle am Freitagabend.


VON MICHAEL MANGOLD


"Auf ein paar Jährchen hin oder her": Stadtkapellen-Chef Georg Schwenk
(rechts begrüßt seinen Vorgänger Paul Schmidt und dessen Gattin Anni)
GB-Foto: Schmidt

"Der älteste Musikverein Deutschlands." Mit jenem ehrwürdigen Titel pflegte sich die Stadtkapelle Herrenberg mitunter stolz zu schmücken. Zur Feier des methusalemisch anmutenden 550-jährigen Jubiläums hatte der Verein prominente Gäste geladen. Zusammen mit Herrenbergs Oberbürgermeister Dr. Volker Gantner saßen der Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger sowie die Landtagsabgeordneten Sabine Kurtz und Heiderose Berroth im Publikum. Gespannt lauschten sie der historischen Festansprache von Stadtarchivar Dr. Roman Janssen. Doch dann ließ dieser die Bombe platzen.

Historisch gesehen habe es mit den 550 Jahren "so gut wie nichts auf sich", erklärte Janssen. 325 so viele Jahre gestand der Historiker dem Verein maximal zu und befleckte damit einen Mythos just am Festakt zu dessen Ehren. Janssen berief sich in seinem humorvoll gehaltenen Vortrag auf seine Verantwortung als Historiker und auf Cicero, der einst gesagt haben soll: "Ein Historiker darf es nicht wagen, das Falsche zu sagen und das Richtige zu verschweigen."

Georg Schwenk, der amtierende Vorsitzende des Musikvereins Stadtkapelle Herrenberg, nahm Janssens Anmerkungen auf die leichte Schulter. "Auf die paar Jährchen hin oder her kommt es auch nicht mehr an", konterte er angesichts der nichtsdestotrotz stolzen Zahlen ob die nun 325 oder 550 lauten möge und überreichte dem Stadtarchivar grinsend dessen Geschenk: einen "angeblich" 550 Jahre alten Wein.

Zwei Meinungen, zwei griffige Argumentationsstrukturen: Zur Bestimmung seines historischen Alters beruft sich der Jubilar Stadtkapelle auf diverse Erwähnungen in historischen Dokumenten über die Jahrhunderte hinweg, vor allem auf die Herrenberger Chroniken des Vogtes Heß. Im Jahre 1457, heißt es da, habe ein Kardinal Julianus bewilligt, dass sich "Pfeiffer und Spielleute" im ganzen Lande zu einer anerkannten Bruderschaft zusammenschließen durften. Dies bedeutete die Geburtsstunde der organisierten Musik in Württemberg. Zu jenen Musikern zählten angeblich die Herrenberger Turmbläser.

Janssens Zweifel am Alter setzen an drei Hauptpunkten an: Erstens belege die besagte Urkunde aus den Chroniken des Vogtes lediglich die Legalisierung des Spielmannsberufs. "Nirgendwo gibt es Hinweise auf organisierte Musik in Herrenberg selbst", so Janssen. Zweitens halte er die über die Turmbläser aus dem 15. Jahrhundert hergestellte Verbindung zwischen der Herrenberger Musiktradition und dem Jahr 1457 für "zwanghaft" konstruiert. "Die Turmbläserbagage war nichts weiter als eine Ein-Mann-Kapelle, die dafür gesorgt habe, dass die restlichen Turmwachen nicht im Dienst eingeschlafen sind", urteilte Janssen augenzwinkernd. Und man könne frühestens nach 1648 von einem belegbaren Interesse der Menschen an organisierter Musik sprechen. "In den Wirren des 30-jährigen Krieges zuvor hatten die Leute keinen Atem dafür", berichtet der Historiker.

Janssen betont jedoch ausdrücklich die schwere Belegbarkeit "organisierter" Musik vor dem 18. Jahrhundert. "Sogar der Ur-Herrenberger wird in seiner Badewanne gesungen haben", gestand er ein. Die Landtagsabgeordnete Heiderose Berroth hält deshalb eine 550-jährige Musiktradition in der Stadt keinesfalls für unrealistisch: ,,Wie auch immer der Organisationsgrad gewesen sein mag. Zum gemeinsamen Musizieren werden sich die Menschen in Herrenberg bestimmt zusammengeschlossen haben", vermutete sie.

Der Stadtarchivar riet dem Musikverein nichtsdestotrotz, sich die Feierstimmung keineswegs von Zweifeln an blanken Zahlen trüben zu lassen. "Eine schöne Frau wie die Stadtkapelle hat es nicht nötig, sich älter zu machen, als sie ist", meinte er. Oberbürgermeister Dr. Volker Gantner sprach von einer "Patt-Situation im Archivarsstreit" und betonte stattdessen die Bedeutung des Musikvereins für Herrenberg. "Die Stadtkapelle ist in den Herzen der Menschen tief verwurzelt", so Gantner. "Herrenberg braucht den Musikverein und ist stolz auf ihn."





 
Home | Aktuelles | Termine | Veranstaltungen | Verein | Stadtkapelle | Jugendarbeit | Kontakt | Sitemap
Stadtkapelle Herrenberg e.V.
Marienstraße 21
71083 Herrenberg