Presse
 
   Generalprobe für Schellenbaum-Übergabe
  Internationaler Trachtenumzug bei den Herrenberger Musiktagen: 550 Musiker
und 14 Kapellen locken viele Zuschauer in die Altstadt
Gäubote-Artikel vom 18.09.2006

Der Tag, an dem zum Trachtenumzug Fahnen durch die Stadt schwanken und Musikinstrumente blitzen, an dem die Blasmusik zwischen Fachwerk erklingt und lebendig gewordene Bilder folkloristischer Historie durch die Straßen schreiten, beginnt auf dem Herrenberger Marktplatz. Die Musiktage 2006 sind zugleich das Kreisverbands-Musikfest.


VON THOMAS MORAWITZKY

Das bedeutet: Mehr Kapellen am Wochenende in der Gäustadt und zudem ein Empfang auf dem schmucken Marktplatz, auf dem die Ehrengäste am gestrigen Sonntag die versammelten Musikanten begrüßen.

Unter den Ehrengäste sind die Bundestags-Abgeordneten Clemens Binninger (CDU) und Florian Toncar (FDP) und der Landtags-Abgeordnete Dr. Bernd Murschel (Grüne). Das Politiker-Trio steht vor dem Rathaus an der Seite von Oberbürgermeister Dr. Volker Gantner, des Stadtkapellen-Vorsitzenden Georg Schwenk und Gerhard Weißenböcks, Vorsitzender des Landes-Blasmusikverbandes. Auch Wolf Eisenmann, stellvertretender Böblinger Landrat, gehört dazu. Er hebt in seinem Grußwort das hohe Leistungsniveau der Kapellen im Kreis hervor. OB Gantner begrüßt die rund 550 Musiker der 14 Kapellen in der Stadt und Georg Schwenk lässt als Moderator den musikalischen Teil des Tages beginnen, indem er die "Musica Solemnis" des Ehninger Dirigenten Franz Watz ankündigt, danach die deutsche Nationalhymne, und dann ausruft: "Ohne Tritt marsch, Richtung Bahnhof!"

Der Empfang vor den Stufen des Rathauses und der anschließende Gesamtchor des Kreisverbands-Musikfestes sind nicht der eigentliche Beginn der Feierlichkeiten am Sonntag. Schon um 8.30 Uhr geht es los mit der Blasmusik der Herrenberger Turmbläser. Um 12.30 Uhr schließlich haben sich alle Kapellen vor der Halle gesammelt, um zum Marktplatz zu marschieren. Jaro Block, sieben Jahre alter Herrenberger, steht zu dieser Zeit noch etwas ratlos und erwartungsvoll vor der Halle und wartet auf seinen Einsatz in der Hand ein großes Schild mit der Nummer "4". "Meine Schwester", erzählt er, "ist im Musikverein. Die haben noch Kinder gesucht, die die Schilder tragen. Im nächsten Jahr möchte ich das auch wieder machen."

Erwartungsvoll sind auch Gunhild Hofmeister, die Vorsitzende des Trachtenvereins aus Bierlingen, und ihre Begleiter. Sie bereiten sich vor der Halle auf ihren Auftritt im Festzug vor: "Wir gehen in der bäuerlichen Tracht von 1864", erläutert die Vorsitzende. Zum ersten Mal ist ihre Gruppe zu Gast beim Umzug. Die Bierlinger sind in ihrer Tracht imposante Erscheinungen: Die Frauen tragen auf ihren Köpfen "Hochzeitskronen", hoch aufragende Gestecke aus Perlen und Schmuck.

Bierlingen hat dann beim Umzug die Nummer 9 inne. Jaro Block indes schreitet mit seiner "4" dem Musikverein Kuppingen voran. Platz 3 haben die Stargäste des Jahres, die "Ompah-Indianer" aus Cottbus (siehe Artikel unten) inne, die schon dem Empfang zur Mittagszeit beigewohnt und bei dieser Gelegenheit einige Äpfel zurückgelassen haben, die nun jeder bedächtig umschifft. An der Spitze des Zuges, der von 13.30 Uhr an, am Bahnhof beginnend, durch die Innenstadt zieht, schreitet Fritz Eitelbuß voran, der Träger des 19 Kilogramm schweren Schellenbaums. "Die Stadtkapelle hat diesen Baum schon seit 1990", weiß er. Begleitet wird er von zwei Damen in Tracht, die zu seiner Seite gehen: von seiner Tochter Bettina und seiner Enkelin Sabrina. Außerdem mit von der Partie: Ulrich Jakob, Eitelbuß Nachfolger. "Nächsten Sommer werde ich den Schellenbaum tragen", sagt er. "Ich probiere es in diesem Jahr schon einmal aus."

Die Männer des VfL Herrenberg, Startnummer 13, marschieren ganz in Weiß mit über den Köpfen ausgestreckten Stöcken und aufgemalten Schnauzbärten an den Zuschauern vorbei. Nach ihnen klafft erst einmal eine Lücke: "Wo sind sie denn?", sucht Moderator Rainer Braun vom Balkon des Rathauses nach der Nummer 14, dem Heimat-, Geschichts- und Trachtenverein Kayhs. Dass die Kayher auf sich warten lassen, hat Gründe: Schließlich haben sie schwer zu tragen. Beladen mit Sägen und Werkzeugen kommen sie schließlich des Wegs mitsamt einem Karren, auf dem sie Reisig zerkleinern. Ihnen auf den Fersen: Die Stadtgarde zu Pferd aus Weingarden, eine pompöse Erscheinung mit Pelzkappen auf den Köpfen.

Schwäbisch Hall ist berühmt für das Salz seiner Sieder, in Weil der Stadt schwört man mehr auf Apfelkuchen. Wenn die Weil der Städter "Spicklingsweiber" mit wehenden Umhängen die Runde machen und ihre Schnitten verteilen, dann freut sich beim Herrenberger Umzug jeder, der noch nicht gefrühstückt hat. Die Nummer 21 aus dem unterfränkischen Prichsenstadt zieht mit einem von drei schnaubenden Ochsen gezogenen Wagen um die Ecke. Und die Freunde aus Holland, stellt man kurz darauf fest, leben auf ziemlich großem Fuß: So groß wie ein Schiff nämlich ist der Holzschuh, den sie mitgebracht haben nach Herrenberg. Feierliche Klänge dann wieder beim Aufzug des Musikvereins Baint in strahlend blauen Trachten, verblüffende Tierwelt mit dem jedes Jahr wiederkehrenden Weißziegengespann von Karl Gerster aus Attenweiler.

Aus Wendlingen kommt eine historische Radsportgruppe mit Draisinen und einem Radler, der vorausfährt und sichtlich Schwierigkeiten hat, auf dem Kopfsteinpflaster das Gleichgewicht zu halten. Sie zieht vorbei und einer, verloren, joggt mit wehenden Rockschößen hinter seiner Gruppe her, die frech klingelnd von dannen tritt. Hüten muss man sich vor Nummer 31, der Kindergruppe des Liederkranzes Herrenberg, deren Mitglieder nett verkleidet sind, aber auch ein orangerotes Monster mit Pelz dabei haben, das offenbar Appetit verspürt auf Passanten.


Ein Exot unter den Herrenberger Umzugs-Teilnemern:
Im Kreise all der Trachtenträger mischt sich auch ein Wüstenbewohner
GB-Foto: Schmidt

Der Trachten- und Kapellenzug ist damit noch lange nicht vorbei. Die Zuschauer säumen die Straßen der Kernstadt und füllen diese gut, andere lugen aus den Häuserfenstern, bis schließlich auch das Schlusslicht, der Reiter- und Fanfarenzug aus Großostheim, vorüber ist. Aber die "Kostbarkeiten der Volkskunst", so der Untertitel, den die Stadtkapelle dem Umzug gegeben hat, bleiben noch ein Weilchen in der Stadt: Der Tag endet mit dem großen Folklore-Fest und der Fortsetzung der Indianer-Show vor der Stadthalle.

 
Home | Aktuelles | Termine | Veranstaltungen | Verein | Stadtkapelle | Jugendarbeit | Kontakt | Sitemap
Stadtkapelle Herrenberg e.V.
Marienstraße 21
71083 Herrenberg