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   Vier "Gute" besiegen den fiesen Ritter
  Ritterkunst nach mittelalterlichen Regularien: Tausende Besucher bei den historischen Herrenberger Musiktagen
Gäubote-Artikel vom 22.08.2005

Herrenberg Stilecht mit Trommelschlag, Sackpfeifen und in mittelalterlichen Gewändern wurden die ersten historischen Herrenberger Musiktage eröffnet. Ein Mittelaltermarkt, zahlreiche Aufführungen und als Höhepunkt Ritterturniere am Samstag und Sonntag ließen tausende Besucher auf den Festplatz hinter der Herrenberger Stadthalle strömen.


VON RENATE MEHNERT

Mit Lanzen, Schwertern und Streitäxten zeigten die "Aventurier" eine Gruppe professioneller Stuntreiter, mittelalterlicher Geschicklichkeitsübungen zu Pferde. Drei tapfere, edle Recken, eine fulminant reitende Fürstentochter und ein arroganter, dummer Adelsspross guter Stoff für eine Rittershow mit mittelalterlichem Gepräge und ein besonderer Anziehungspunkt für viele Besucher bei den historischen Herrenberger Musiktagen. Fünf Hauptdarsteller der "Aventurier" aus Hessen zeigten bei vier Ritterturnieren vor mehreren tausend Zuschauern mittelalterliche Reiterspiele. Ihre erstaunlichen Fertigkeiten zu Pferde demonstrierten die vier "Guten" mit dem Ziel, den fiesen schwarzen Ritter vom Drachenfels zu besiegen. Schon beim stolzen Einreiten in die 80 Meter lange Kampfbahn flogen dem Knappen Hagen von Aragon, Ritter Gero von Wolkenstein und Roland von Rotenburg sowie der mutigen Reiterin Santana die Herzen vor allem der Kinder und Jugendlichen zu. Wortgewaltig unterstützt von einem Herold, bestanden die Reiter Exerzitien wie die Sauhatz mit Pfeil und Bogen in vollem Galopp, Ringestechen mit der Lanze, Hälseschlagen mit der Streitaxt oder Sarazenenspießen auf Kunststoffköpfe. "Eine etwas grausame Sportart", wie der Herold zugeben musste, doch das Mittelalter sei zeitweise noch viel brutaler gewesen, als es hier dargestellt werde. Die Höhepunkte des ritterlichen Kräftemessens auf der Herrenberger Stechbahn waren erbauender: Das Ende des dunklen Ritters vom Drachenfels im Schwerterzweikampf am Boden und der Ritterschlag des jüngsten Turnierteilnehmers, des Knappen "Hagen von Aragon", riss besonders die Kinder unter den Zuschauern zu Begeisterungsrufen hin. Damaris (8) und Fridolin (6), Enkel des Affstätters Helmut Berger, fanden das Turnier "ganz toll".


Da war Geschick gefragt: Tausende Besucher verfolgten beim Ritterturnier die Darbietungen
der Mittelalter-Liebhaber GB-Foto: Bäuerle

Anstrengend ist die 80-minütige NonStop-Show für Reiter und Pferde der "Aventurier" jedes Mal, wie Norbert Gaisler, Leiter der Gruppe, erklärte. Mehrere Stunden tägliches Geschicklichkeits- und Konditionstraining und beste Pflege für die wertvollen Tiere, darunter ein Vollblut araberhengst, sind deshalb ein Muss für die Stuntreiter, die schon in Filmen und TV-Produktionen mitgewirkt haben. Dunkle Seiten der mittelalterlichen Epoche verdrängen heutige Fans am liebsten, wie der Herold Kay Knopp erklärt, ein Kenner aus Köln. Sie tauchen lieber ein in die bunte, abenteuerliche und lebensfrohe Welt dieser Zeit.

Die wurde außer beim Ritterturnier auf dem Mittelaltermarkt mit zahlreichen, zeitgemäß gekleideten Männern und Frauen in langen Röcken oder kurzem Wams, handgenähten Lederschuhen und Lederbörsen am Gürtel wieder lebendig. Verschiedene Aufführungen, unter anderem mit der Musikgruppe "Adivarius" und deren mitreißender, fröhlicher Musik mit Trommeln, Sackpfeifen und anderen alten Instrumenten, taten ihr Übriges. "Das ist unsere Alternative zum Fernsehprogramm", meinte Organisator Bernhard Scholz, hauptberuflich Lehrer. Mit den Tavernenweibern, darunter eines mit einer Riesenschlange, einer beeindruckenden Feuershow und dem Marktgericht, wurde dem Publikum zwei Tage lang Unterhaltung pur geboten.

Der Marktvogt hatte am Samstagmittag gemeinsam mit dem "Schultheißen der Stadt Herrenberg", Andreas Gravert, die Musiktage nach alter Sitte eröffnet. Wobei dem mit dem Gewand eines Patriziers ausstaffierten Schultheiß "Andreas vom Ziegelfeld", im jetzigen Leben Andreas Gravert, mit der Verlesung der Marktregularien Vorrechte gewährt wurden, die ansonsten dem Vogt zustanden.

Sechs Euro für zwei Tage Mittelalter waren zu berappen, für Kinder von neun bis 16 Jahren vier Euro. Dagegen hatten die meisten Besucher nichts einzuwenden. "Der Öschelbronner Oliver Wolf dagegen meinte: "Man hätte einen Pass wahlweise nur für einen oder zwei Tage anbieten sollen." Auf den Eintrittspreis schaute Silke Thrainsson aus Herrenberg weniger. Die 39-Jährige war mit Familie zum Ritterturnier gekommen. "Ich freue mich, dass es das jetzt auch in Herrenberg gibt", sagte sie, "beim nächsten Mal würde ich gern mitmachen. Das hier erlebe ich wie in einem fantastischen Märchen."

Georg Schwenk, Vorsitzender des veranstaltenden Musikvereins Stadtkapelle Herrenberg, resümierte am Ende des ereignisreichen Wochenendes: "Wir sind trotz des schlechten Wetters zufrieden. Auf jeden Fall werden wir historische Musiktage in dieser Form auch in den nächsten Jahren wieder veranstalten."

 

   Im warmen Zuber hüllenlos baden


Herrenberg Zelte wie vor hunderten von Jahren, in denen altertümlich gekleidete Verkäufer ihre Stände aufgeschlagen hatten, Tavernen und Handwerker, die an Ort und Stelle arbeiteten und ihre fertigen Produkte präsentierten: Wie ein Markt vor vielen hundert Jahren lief am Samstag und Sonntag parallel zum Ritterturnier oder anderen Vorführungen der Betrieb auf dem Mittelaltermarkt bei den historischen Herrenberger Musiktagen ab. Die widrigen Witterungsverhältnisse drückten die Besucherzahlen nach unten.


Gut besucht war der vom Musikverein Stadtkapelle Herrenberg veranstaltete historische Mittelaltermarkt am Samstag. Dicht drängten sich die Gäste beim Ritterturnier, nahezu voll besetzt waren bis in den späten Abend die Bänke in den Tavernen, und beim nächtlichen Konzert von "Adivarius" erlebten die Besucher einen Höhepunkt mittelalterlich klingender, mitreißender Musik. Einen Einblick und Geschmack an der Lebensweise vor über 500 Jahren konnten sie auf dem Markt auf vielfältige Weise bekommen: Gleich mehrere Riemenschneider hatten ihre Lederstände aufgebaut. Den Beruf des Riemers, später war dies der Sattler, gibt es heute nicht mehr. Längst ausgedient haben auch der Laternenmacher, der Kettenhemdmacher und der Schmied für Streitäxte, Schwerter aller Ausführungen, Helme und eiserne Ritterhandschuhe, die an einem Stand aus Tschechien angeboten wurden.

Dass aber eine Nachfrage nach diesen Gegenständen besteht, liegt an der ständig zunehmenden Zahl von Menschen in ganz Europa, für die das Mittelalter eine unerklärliche Faszination ausübt. Gern sieht man dann die romantische Seite des Mittelalters, das an weniger schönen Zeiten ebenfalls keinen Mangel hat. Bei Festen und in der Freizeit kleiden sich viele von ihnen in mittelalterlichen Gewändern, oft in mühsamer Handarbeit gestichelt und genäht. Auf dem Markt in Herrenberg sah man die Fans dieser Zeit bis Anfang des 16. Jahrhunderts in ihren wollenen Umhängen, weichen, geschnürten Lederschuhen, Hauben für Männer wie Frauen, den obligatorischen Lederbeutel am Gürtel. Das Material zu diesen Gewändern konnte selbstredend auf dem Markt erworben werden: Knöpfe, Fibeln, Filz und Stoffe aus Leinen und Wolle. Auch an Silber- und Messingschmuck für die Mittelalterfrau war gedacht, ebenso an Kinderspielzeug und Geschicklichkeitsprüfungen für Jung und Alt wie Bogenschießen und Streitaxtwerfen. Derweil boten ein Astrologe und eine Schamanin Lebensberatung an, und neben der "Badstube" lagen ausgebreitet Kräuter für Gesundheitstees.

Zeitweise bis an ihre Kapazität ausgelastet waren am Samstag bis um 23 Uhr die drei Holzzuber im gemeinschaftlichen, offenen Badezelt mit bis zu 15 gleichzeitig hüllenlos Badenden. Am Sonntagmorgen waren dagegen erst wenige auf den Geschmack gekommen. Nur ein junges Paar genoss das gemeinsame warme Bad, während kühler Regen auf das Zeltdach platschte.

Mit 62 Ständen und zahlreichen Tavernen, drei allein vom veranstaltenden Musikverein Stadtkapelle Herrenberg betrieben, war der diesjährige erste Mittelaltermarkt ein gelungener Anfang der historischen Musiktage, die künftig alle zwei Jahre stattfinden sollen.

 
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