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   "Du hast die ganze Zeit für die Musik gelebt"
  Eberhard Fauß steigt heute wohl zum letzten Mal auf den Turm der Stiftskirche:
27 Jahre lang war er als Turmbläser tätig
Gäubote-Artikel vom 31.12.2003
Herrenberg Morgens um halb neun hat Eberhard Fauß was vor. Jeden Sonntag, jeden Feiertag. Dann nämlich steigt der älteste Musiker der Stadtkapelle auf den Turm der Stiftskirche. Der 65-Jährige gehört zu den zehn Turmbläsern, die von luftiger Höhe aus feierliche Choralklänge über den Dächern der Stadt erklingen lassen. Wenn Eberhard Fauß am Silvesterabend die Stufen emporsteigt, wird es wohl das letzte Mal sein.


Turmbläser Eberhard Fauß (vorn) auf der Herrenberger Stiftskirche
GB-Foto: Bäuerle

150 Stufen, an 60 Sonn- und Feiertagen im Jahr, 27 Dienstjahre lang. Macht 243 000 Turmstufen, die Eberhard Fauß in seiner Zeit als Turmbläser zurückgelegt hat. Bei Wind und Wetter, ob Schneegestöber oder sengende Sommer-Hitze. Eberhard Fauß war immer dabei mit seiner Tuba. Passend zum jeweiligen Feiertag im Kirchenjahr bläst der Rentner jeden Sonntag mit seinen Kollegen einen anderen Choral, je zwei Verse auf drei Seiten des Turms. Nur ein- oder zweimal im Jahr ist es Sonntagmorgens still über der Stadt. Dann nämlich, wenn die gesamte Stadtkapelle auswärts gastiert.

Im Juli 1976 ist Eberhard Fauß zum ersten Mal auf den Turm gestiegen. Die Herrenberger suchten damals dringend einen Bassisten. Gefunden haben sie ihn in Eberhard Fauß, der damals für den Musikverein Öschelbronn die Tuba blies. Als Gründungsmitglied des Öschelbronner Vereins begann Eberhard Fauß erst im Alter von 25 Jahren mit dem Musizieren. Im Gruppenunterricht entlockte er seinem Blechblasinstrument die ersten tiefen Töne. Der Wechsel nach Herrenberg allerdings war an eine Bedingung geknüpft: Eberhard Fauß braucht Einzelunterricht. Und so gab der Öschelbronner seiner Kunst den letzten Schliff im Alter von bereits 40 Jahren.

Seitdem steht das Leben des Rentners ganz im Zeichen der Musik. Ob auf dem Friedhof, in der Kirche, auf dem Turm oder im Bierzelt Fauß ist dabei. "Man spielt alles", sagt er, "die richtige Musik am richtigen Ort." Um der Tonkunst gerecht zu werden, hat der ehemalige Daimler-Mitarbeiter einiges auf sich genommen. "Abends früher heimgegangen, morgens später gekommen. Ich habe meinen Arbeitsplatz mehr als einmal für die Musik aufs Spiel gesetzt", gesteht der Bassist. Und sein Sohn, selbst seit 15 Jahren aktives Mitglied in der Stadtkapelle, hat ihm vor einiger Zeit wohl das größte Kompliment gemacht: "Vater, du hast die ganze Zeit für die Musik gelebt."

Als Turmbläser steht Eberhard Fauß in einer jahrhundertelangen Tradition. Schon in der Renaissance-Zeit, im Jahre 1457, sind die ersten Turmbläser in Herrenberg historisch belegt. Mit sonntäglichen Kirchenchorälen hatten sie allerdings wenig zu schaffen. Der Turmbläser war bei der Stadt angestellt und der Hochwacht zugeteilt. Die versah auf dem hoch gelegenen Schloss ihren Wachdienst, um vor Feindes- und Feuergefahr zu warnen. Zu den Aufgaben des Türmers gehörte es, die Stunden "anzublasen". Dies tat er auf einem "Zinken", dem Vorläufer der heutigen Trompete. Doch auch das Gießen von Bleikugeln für die Waffen der Schlosswachen fiel in seinen Zuständigkeitsbereich.

Erst 1749 begann sich die Geschichte des Turmbläsers mit der Kirchenmusik zu verbinden. Damals regte Vogt Heß das Turmblasen der Herrenberger Stadtmusik auf dem Umgang des Kirchturms an. "Seitdem ist das Turmblasen immer unter der Regie der Stadtkapelle geblieben", sagt Georg Schwenk, der als Vorsitzender des Musikvereins besonders stolz auf diese Tradition ist. Menschen zu finden, die diesen Brauch weiterhin pflegen, ist nicht schwer: "Es ist eine Ehre, zu den Turmbläsern zu gehören", betont Schwenk.

Eberhard Fauß allerdings will nun einen Schlussstrich ziehen. Zu beschwerlich ist der Weg zur Kirchturmspitze für den Asthmatiker. Sein Nachfolger, das derzeit jüngste Mitglied der Turmbläser, ist schon bestimmt: Christian Däuble ist künftig für die tiefen Töne zuständig. Nach dem Jahreswechsel will sich Eberhard Fauß zurückziehen. Dem abrupten Ende allerdings zieht der Blechbläser einen langsamen Ausstieg vor. Auf dem Friedhof und bei "Ständchen" ist der Tubist weiterhin dabei, auch die Proben der Stadtkapelle wird er mitunter noch besuchen. Nur auf den Turm wird Fauß nicht wieder steigen.

Ernst genommen hat er sein Amt als Turmbläser immer. Nur einmal, da ist der Schalk mit ihm durchgegangen. Eines Sonntags, nach einem vorhergegangenen lustigen Abend, spielte die Bläsergruppe auch auf der vierten Seite des Turms. Zum Dekanat hin, wo normalerweise nie geblasen wird. Es war ein kalter Morgen, glitzernder Neuschnee bedeckte den still daliegenden Marktplatz. Was erklang, war kein Choral. Und wer damals hätte schwören können, den "Schneewalzer" ganz leise über den Dächern der Stadt Herrenberg gehört zu haben, darf seinen Ohren ruhig trauen

 

 

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